The Big Race

(La Grande Montée – Herbst 1927)

Die unglaubliche Geschichte von Gaston Pignon, dem geizigen Dr. Guyot und dem vermutlich schlechtesten Rennwagen der Welt.

Ob sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat, weiss heute niemand mehr. Doch in einem kleinen französischen Dorf erzählt man sie sich noch immer an langen Herbstabenden. Dann, wenn draussen der Wind um die Häuser zieht, irgendwo ein grosser Topf Suppe leise vor sich hin köchelt und dazu ein Stück hartes Brot auf dem Tisch liegt.

Es ist die Geschichte von Gaston Pignon – oder, wie ihn im Dorf alle nannten: «le Bricoleur».

Wenn einer aus einem alten Schrotthaufen etwas machen konnte – zum Beispiel einen Rennwagen -, dann war es Gaston. Ob es brauchbar war, interessierte ihn allerdings herzlich wenig. Gaston dachte selten lange nach. Er fing einfach an. Den Rest überliess er dem Leben.

Seine Werkstatt war ein Ort, an dem Dinge eine zweite Chance bekamen. Alte Holzkisten. Verbogene Bleche. Zahnräder. Schrauben. Alles, was andere längst aufgegeben hatten, schaute Gaston an, als würde es ihm zuflüstern: «Aus mir könnte noch etwas werden.» Ob das stimmte? Nun ja … meistens fand zumindest Gaston, dass es stimmte.

Seine Frau war das Gegenteil. Sie führte den Haushalt, hielt sechs Kinder, drei Katzen und einen Gemüsegarten am Leben und schaffte es irgendwie, dass am Abend trotzdem etwas Warmes auf dem Tisch stand. Sie war nicht laut. Nicht streng. Aber sie besass diese seltene Gabe, mit einem einzigen Blick mehr zu sagen als andere mit zehn Sätzen.

Wenn Gaston wieder einmal mit ölverschmierten Händen und staubigen Haaren nach Hause kam, schaute sie ihn nachsichtig an, stellte ihm wortlos das Abendessen auf den Tisch und brachte danach die Kinder ins Bett. Erst wenn im Haus langsam Ruhe einkehrte, nahm sie seine Hose, nähte einen neuen Flicken darauf und legte sie sauber zusammen. Das war ihre Art zu sagen: "Ich halte das zwar für verrückt … aber morgen darfst du wieder losziehen."

Als sich im Herbst 1927 ein Bergrennen namens «la Grande Montée» ankündigte, wusste Gaston sofort, dass er mitfahren musste. Nicht weil sein Rennwagen schnell war. Das war er ganz bestimmt nicht. Nicht weil er gewinnen würde. Daran glaubte nicht einmal Gaston. Sondern weil man Träume manchmal einfach ausprobieren muss.

Der Dorfarzt Dr. Guyot erklärte sich bereit, das Vorhaben zu unterstützen, sodass das ganze Dorf glaubte, nun beginne endlich das grosse Abenteuer. Zumindest behauptete er das. Er stellte seinen Namen zur Verfügung, spendierte eine überdimensionierte Pastillen-Dosen zu werbezwecken und sprach ausserordentlich ermutigende Worte. Mit Geld war er deutlich zurückhaltender. Es reichte gerade für zwei Blechdosen Getriebeöl und einen Kanister Zweitaktbenzin. Der Rest war Gastons Sache.

Also vollendete er seinen Rennwagen aus allem, was andere längst vergessen oder weggeworfen hatten. Ob daraus jemals ein Sieger werden konnte, wusste niemand. Nicht einmal Gaston selbst. Trotzdem stellte er sich an diesem kühlen, leicht nebligen Herbsttag an den Start.

Und wenn dann draussen im Herbst der Wind wieder um die Häuser zieht, dann steht irgendwo ein Topf Suppe auf dem Herd. Dazu ein Stück Brot. Mehr braucht es an solchen Abenden nicht.

Das Rennen führte über staubige Feldwege und schmale Serpentinen hinauf zum Berg. Das ganze Dorf schien auf den Beinen zu sein. Kinder rannten lachend neben den Fahrzeugen her. Frauen standen mit Körben am Wegrand. Die Männer kamen direkt von den Feldern, noch mit Erde an den Stiefeln und Werkzeug auf den Schultern. Sie kamen nicht, weil dieses Rennen berühmt war. Sondern weil in ihrem Dorf endlich einmal etwas los war.

Gaston durfte als Nr. 8 starten und fuhr, wie Gaston eben fuhr. Mit viel Hoffnung. Etwas zu wenig Motorenleistung. Und einer gehörigen Portion Optimismus.

Rauchend, dampfend und ächzend, quälte sich das Gefährt in die Höhe. Er gewann keine Ränge, war aber froh, dass es vorwärts ging. Dann, kurz vor dem Ziel, der Motor hustete sonderbar. Dann noch einmal. Dann war schlagartig Ruhe. Gaston schaute auf den kochenden Motor, die Stille quälte ihn. Dann schaute er zum Gipfel. Nur noch 50 Meter, so nahe und doch so unerreichbar fern. Er legte seinen Kopf auf die Hände, die sich an das Steuerrad klammerten. Er dachte an seine Frau. An seine Kinder. An all die Hoffnungen, die er wieder einmal nicht erfüllen konnte. Er wusste, dass er das Rennen verloren hatte.

Da spürte er plötzlich eine kleine Hand an seinem Rücken. Ein Junge aus dem Dorf. Dann kam noch einer. Dann der Schmied, ein Bauer mit seinem Knecht, der Briefträger, der Metzger und der Bäcker. Schliesslich schob das halbe Dorf den Wagen Richtung Ziel. Nicht weil Gaston darum gebeten hatte. Sondern weil jeder sehen konnte, dass er Hilfe brauchte. Weil alle wollten, dass Gaston ins Ziel kommt. So rollte der Rennwagen mit seinem sprachlosen Fahrer langsam über die Ziellinie. Nicht als Sieger des Rennens. Aber als ein Mann mit einer Maschine und einer Haltung, über den noch lange gesprochen wurde.

Nicht jeder möchte Gaston sein. Aber fast jeder wünscht sich einen Gaston im Leben – jemanden, der einem mit ölverschmierten Händen und staubigen Haaren glaubhaft macht, dass aus einem alten Schrotthaufen vielleicht doch ein Rennwagen werden kann.

Heute erinnert sich niemand mehr daran, wer das Bergrennen im Herbst 1927 gewann. Über Gaston Pignon hingegen spricht man im Dorf bis heute. Nicht wegen seines Rennwagens. Sondern weil er die Herzen der Menschen gewann und zeigte, dass man verlieren und trotzdem etwas viel Grösseres gewinnen kann.

Und wenn dann draussen im Herbst der Wind wieder um die Häuser zieht, dann steht irgendwo ein Topf Suppe auf dem Herd. Dazu ein Stück Brot. Mehr braucht es an solchen Abenden nicht.